Als ich meinem Sohn die ersten Zecken entfernt habe, hatte ich glücklicherweise zuvor schon jede Menge Erfahrung mit dieser Technik gesammelt.

Nein, nicht an Haustieren. Ich mach doch keine Tierversuche! Ich durfte an richtigen Menschen üben. Und zwar in der Notaufnahme des Krankenhauses, in dem ich als Assistenzärztin gearbeitet habe.

Ich wusste aber zumindest theoretisch Bescheid, was zu tun war. Und ich war im Kopf so gut darauf vorbereitet, dass das sogar noch mitten in der Nacht problemlos funktioniert hat. (Außerdem: was sollte ich machen – es war ja sonst keiner da außer mir…).

Bei meinem Sohn war ich dann wirklich dankbar, dass ich schon geübt hatte, denn die Situation war wirklich kniffelig: das Tier saß in der tiefsten Ritze hinter der Ohrmuschel. Und mein Sohn war noch keine 2 Jahre alt. (Da sag deinem Kind mal: Halt doch bitte mal ganz ruhig, damit ich die Zecke nicht kaputtmache…).

Und was macht da die pädagogisch versierte Kinderärztin? 😉 Jaaa – richtig: ab vor den Fernseher.  Mein Sohn war noch kein erfahrener Fernsehgucker und so fasziniert, dass er tatsächlich ganz still gehalten hat. Puh. (Jetzt möchte ich zu meiner Ehrenrettung aber noch erwähnen, dass ich danach den Fernseher direkt wieder ausgemacht habe…).

Und dann? Hab ich mir Sorgen gemacht, dass die Zecke vielleicht eine Krankheit übertragen haben könnte? Ja, ein bisschen. Habe ich meinem Sohn „zur Sicherheit“ direkt mal ein Antibiotikum gegeben? Nein.

Was macht man also bei einem Zeckenstich?

Ganz grob gesagt: schnell raus damit, desinfizieren und dann abwarten. Wenn irgendetwas  auffällig ist, sei es körperlich oder im Verhalten des Kindes: ab zum Arzt und mindestens für die nächsten 2 Jahre immer erwähnen, dass ein Zeckenstich stattgefunden hat.

Darum herum gibt es noch sehr viel zu erklären und mindestens genauso viele Irrtümer. Um den Rahmen nicht zu sprengen, habe ich hier die 10 Punkte gesammelt, die mir am häufigsten aufgefallen sind.

Irrtum Nr. 1: Ich lasse die Zecke immer am besten vom Arzt entfernen

Wie du oben schon gelesen hast, ist auch ein Arzt nicht automatisch direkt Profi im Zeckenentfernen und muss auch erst einmal üben. Und andersherum: wenn man weiß, wie es geht, ist es eigentlich vor allem eine Frage der Geschicklichkeit und auch gut selbst zu machen.

Das wichtigste Argument ist aber: eine Zecke sollte so schnell wie möglich entfernt werden, weil das Risiko einer Krankheitsübertragung steigt, je länger die Zecke saugt. Wenn man erst zum Arzt fährt und dann eventuell noch eine längere Wartezeit hat, steigt das Risiko einer Infektion.

Irrtum Nr. 2: Ich brauche eine Zeckenzange

Ist vielleicht Geschmackssache, aber ich persönlich komme mit Zeckenzangen nicht so gut zurecht, wie mit einer einfachen Pinzette. Die Zeckenzangen, die ich bisher getestet habe, waren viel zu grob. Mit einer Pinzette geht das dann so: die Zecke da wo der Stechapparat ist so nah wie möglich an der Haut anpacken und dann ganz langsam und gleichmäßig ziehen.

Es gibt zum Entfernen auch Plastikkarten mit einem Schlitz, die man gut verwenden kann, wenn die Zecke nicht gerade an einer sehr schwer erreichbaren Stelle sitzt. Und falls man keine Pinzette zur Hand hat, kann man sich so eine Karte selbst basteln: alte Kreditkarte einschneiden und so über die Haut schieben, dass der Schlitz den Stechapparat umfasst und damit langsam vorsichtig herausziehen.

Irrum Nr. 3: Ich drehe die Zecke heraus

Es ist noch immer die Theorie im Umlauf, dass sich Zecken in die Haut bohren. Da wird man dann gefragt, ob die Zecke denn nun links oder rechts herum herausgedreht werden soll, damit man sie nicht versehentlich noch weiter in die Haut hinein bohrt. Nein! Zecken stechen und stecken dann mit ihrem Saugrüssel so in der Haut, dass sie einfach gerade herausgezogen werden können.

Irrtum Nr. 4: Das Bestreichen mit Klebstoff oder Nagellack ist von Vorteil

In der Annahme, dass die Zecken dann keine Luft mehr bekommen und freiwillig loslassen, werden die Tierchen auch gerne mal mit diversen Substanzen bestrichen. Ein weiteres Beispiel für „Bitte nicht machen!“. Es besteht sogar die Gefahr, dass die Zecke dadurch noch eher Krankheitserreger überträgt, weil sie ihren Mageninhalt von sich gibt.

Irrtum Nr. 5: Ich muss die entfernte Zecke aufbewahren

Der Sinn dahinter soll sein, dass man die Zecke untersuchen lässt, ob sie Krankheitserreger in sich trägt, die übertragen werden könnten. Da es aber nicht genug Informationen dazu gibt, wie sinnvoll das ist, da es falsch positive und falsch negative Ergebnisse gibt und auch eine Zecke voller Krankheitserreger die Krankheit noch lange nicht übertragen haben muss, gibt es von ärztlicher Seite keine Empfehlung, die Zecke in ein Labor zum Testen zu geben.

Irrtum Nr. 6: Mein Kind ist gegen Meningitis geimpft und ist daher bei Zeckenstichen vor Hirnhautentzündung geschützt

Es gibt ganz verschiedene Meningitis (= Hirnhautentzündung) -Erreger. Die Erreger, gegen die bei Kindern bei den Standard-Impfungen geimpft wird (zum Beispiel Meningokokken) sind andere, als die von Zecken übertragenen.

Zecken übertragen bei uns vor allem zwei bedeutsame Erkrankungen: Borreliose und FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis).

Borreliose ist eine Krankheit, die sich unter anderem in Form einer Meningitis zeigen kann. Sie wird durch Bakterien, und zwar Borrelien, hervorgerufen, gegen die nicht geimpft werden kann. Dafür kann man aber mit einem Antibiotikum behandeln. Das macht man aber nicht einfach so nach einem Zeckenstich, sondern wenn Symptome auftreten.

FSME ist eine Viruserkrankung, gegen die ein Antibiotikum nicht hilft. Sie macht auch Symptome einer Meningitis, und man kann nur versuchen, diese Symptome zu lindern. Hier ist eine spezielle Impfung möglich, zum Beispiel wenn man in einem FSME-Risiko-Gebiet wohnt oder dort Urlaub macht. Aber: wer zum Beispiel bei uns im Rheinland wohnt (kein Risikogebiet), hat diese Impfung nicht automatisch, auch wenn vollständig nach STIKO-Empfehlung geimpft wurde.

Irrtum Nr. 7: Von Zecken übertragene Krankheiten kann man sicher im Blut nachweisen

Leider nicht sicher. Wenn zur Testung auf Borreliose zu früh Blut abgenommen wird, sind eventuell noch keine Antikörper vorhanden, die man im Blut nachweisen könnte. Und es gibt falsch positive und auch falsch negative Laborergebnisse, so dass man sich darauf nicht verlassen kann. Man stellt also in erster Linie eine sogenannte klinische Diagnose. Das bedeutet, dass man untersucht und dann alle Puzzlestücke zu einer Diagnose zusammenbringt.

In Kürze die Anzeichen einer Borreliose:

1-6 Wochen nach Zeckenstich findet man eine Hautrötung, die nicht juckt und sich kreisförmig ausbreitet (muss aber nicht sein und kann auch anders aussehen. Die beschriebene Form ist nur eine, nämlich die Typischste). Man kann mit einem Antibiotikum behandeln. Ohne Behandlung geht es auch weg, aber dann besteht die Gefahr, dass es noch bis zu 2 Jahre danach andere Erscheinungen gibt. Diese sind leider sehr vielfältig:

Es kann weitere Hauterscheinungen geben, Gelenkbeschwerden, Kopfschmerzen, Hirnhautentzündung, Nervenlähmungen, Herz- und Augenbeteiligung, oder auch „nur“ eine Sommergrippe…

Und um das ganze noch komplizierter zu machen: diese Erscheinungen können auch auftreten, wenn man vorher den typischen Ausschlag gar nicht gehabt hat. Daher meine Empfehlung: beim Auftreten von Beschwerden egal welcher Art immer dem Arzt sagen, dass es einen Zeckenstich gegeben hat. Und Behandlungsmöglichkeiten gibt es glücklicherweise auch noch. Wenn es auch länger dauern kann und nicht immer alles folgenlos verheilt.

Die Anzeichen für FSME sind grippeartige Symptome nach 5-14 Tagen. Es können später auch Hirnhautentzündung, Nervenlähmungen, Bewußtseinsstörungen und andere Beschwerden, die die Nerven betreffen, auftreten.

Man kann eine Untersuchung von Blut oder Liquor („Nervenwasser“)  durchführen. Aber auch hier gibt es falsch positive oder falsch negative Ergebnisse, so dass auch hier die Symptome mit Laborbefunden und der Krankheitsgeschichte zusammen betrachtet werden, um zu einer Diagnose zu kommen. Eine spezielle Behandlung gibt es, wie gesagt, nicht.

Irrtum Nr. 8: Zecken springen von den Bäumen

Nach dem vorangegangenen unschönen Punkt kommen wir also zu dem Schluss: es ist ganz wichtig, dem Zeckenstich vorzubeugen. Sich also gar nicht erst stechen zu lassen, oder – wenn es schon passiert ist – die Zecke so schnell wie möglich zu entfernen.

Wie schützen wir uns also?

Weit verbreitet scheint noch die Auffassung, dass man sich mit einer Kappe auf dem Kopf schützen sollte, weil Zecken auf Bäumen sitzen und von dort auf nichtsahnende Opfer herunterspringen.

Ich finde die Vorstellung der springenden Zecken immer sehr lustig. Ich stelle mir dann immer vor, wie die arme Zecke daneben springt und dann fluchend den ganzen Baum wieder hochkrabbelt, um einen neuen Versuch zu starten.

Nein, so schwer machen es sich die Tierchen nicht. Sie sitzen unten, im Gras oder anderen Pflanzen und werden beim Vorübergehen abgestreift.

Dann krabbeln sie noch ein bisschen auf der Haut herum und suchen sich eine Stelle, wo die Haut dünn ist und sie es vielleicht sogar ein bisschen warm und gemütlich haben (in einer Hautfalte zum Beispiel). Bei kleinen Kindern findet man Zecken häufig im Kopfbereich. Bei Erwachsenen liegt ihnen der Kopf wohl zu weit oben. Hier sind sie eher weiter unten zu finden, zum Beispiel in den Leisten.

Sinnvoll ist also vor allem der Schutz durch möglichst geschlossene Kleidung von unten. Da das aber nicht 100% hilft gilt: zu Hause ausziehen und von oben bis unten alles absuchen. Besonders auch in Haaren und Hautfalten aufpassen, dass man nichts übersieht.

Borrelien werden erst spät, nach ca. 12-24 Stunden von der Zecke auf den Menschen übertragen, so dass man hier eigentlich schnell genug sein kann. Die FSME-Erreger werden leider schon früher übertragen. Hier gilt: je früher die Zecke raus ist, umso unwahrscheinlicher ist es, dass etwas passiert ist.

Irrtum Nr. 9: In meinem gepflegten Garten mit englischen Rasen bin ich sicher

Hast du so einen Garten? Mit Kindern? Kompliment. Aber vor Zecken bist du auch dort nicht geschützt. In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Kinder- und Jugendarzt“ (Nr. 5/16) wird berichtet, dass bei Untersuchungen in 60% der kontrollierten Gärten Zecken gefunden wurden (bis zu 800 Tiere in einer halben Stunde!). Und zwar sowohl in verwilderten als auch gepflegten Gärten.

Irrtum Nr. 10: Zecken werden erst aktiv, wenn es draußen warm wird

Der Begriff „warm“ ist da wohl relativ. Für mich fängt „warm“ gefühlt so bei etwa 20°C an, und vorher scheint auch bei vielen anderen der Gedanke an Zecken noch weit entfernt zu sein. Tatsächlich sind Zecken schon ab Februar und bis in den Dezember hinein aktiv. Abgesehen von kurzen Winterferien sind sie also fast das ganze Jahr im Einsatz.

Zusammengefasst: am besten immer an Zecken denken. Kinder abends beim Fertigmachen für’s Bett einmal von oben bis unten angucken, oder nach intensivem Naturkontakt am besten direkt, wenn man zu Hause ist.

In diesem Sinne wünsche ich eine fröhliche Zeckenjagd.

Und keine Angst vor der Natur – Zecken beißen nicht!      Sie stechen 😉

 

 


Es geht übrigens sommerlich weiter: in den nächsten Artikeln geht es um Vitamin D, Sonne und Sonnenbrand…