Ellen Portrait rundHallo,

ich bin Ellen, verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Mein  Sohn Jonas hat das Prader-Willi-Syndrom. Das ist ein zufällig auftretender Gendefekt, der sich unter anderem durch Muskelschwäche, verringertes Sättigungsgefühl, Kleinwuchs und geistige Beeinträchtigung äußert. In einer kleinen Serie berichte ich über mein Leben und meine Erfahrungen mit einem behinderten Kind.

Bald ist es wieder so weit: Die Schulanmeldungen für das nächste Jahr stehen vor der Tür.

Was bei gesunden Kindern recht einfach ist, kann bei einem Kind mit Behinderung ein monatelanger Prozess werden, bei dem viele Punkte beachtet werden müssen.

Dank der UN-Behindertenrechtskonvention dürfen Kinder mit Behinderung sowohl eine Regel- als auch eine Förderschule besuchen.

 

Was ist der Unterschied zwischen einer Regel- und einer Förderschule?

In einer Regelschule, der normalen Grundschule, lernen gesunde Kinder und Kinder mit Behinderung gemeinsam. Diese Möglichkeit der Inklusion gibt es erst seit 2009. Einige Schulen sammeln noch erste Erfahrungen.

In einer Förderschule werden nur Kinder mit Behinderung unterrichtet. Zusätzlich zum Unterricht erhalten die Schüler noch verschiedene Therapien und werden bei Bedarf von einer Krankenschwester versorgt.

Als Jonas ein Schulkind wurde, standen wir vor einer schweren Entscheidung.

Für ihn kamen aufgrund seines Entwicklung beide Schulformen in Betracht. Darum waren mein Mann und ich unsicher, was für Jonas das Beste ist.

Bis wir eine Entscheidung getroffen hatten vergingen Monate. Dabei haben wir uns von Lehrern und einer Heilpädagogin beraten lassen. Für alle, denen es ähnlich geht, teile ich hier nun gerne unsere Erfahrungen, die als Orientierung für die Schulbesichtigung dienen können. Und am Schluss darfst du raten, wo wir Jonas eingeschult haben! 😉

 

Woran erkennst du eine Schule, in der Inklusion gut funktionieren kann?

 

Viele Eltern und Lehrer befürchten, dass beim inklusiven Lernen Regel- und Förderschüler zu kurz kommen. Doch wenn die Inklusion gut gelingt, ist sogar eher das Gegenteil der Fall: Es profitieren beide Seiten davon. Folgende Punkte sind in einer Regelschule wünschenswert:

  • Wenig Frontalunterricht, dafür viel Arbeit in Kleingruppen. Dabei helfen sich die Kinder gegenseitig. Oft machen Kinder mit Behinderungen erstaunliche Entwicklungsfortschritte und Regelkinder üben ihre sozialen Fähigkeiten wie Geduld, Rücksichtnahme und Toleranz.
  • Es gibt in der Klasse einen Nebenraum, um bei Bedarf ein paar Kinder gezielt fördern zu können (das gilt für geistig behinderte wie für hochbegabte!).
  • In der Klasse sind höchstens 25-26 Kinder, davon mehrere mit Förderbedarf.
  • Es gibt ein gut funktionierendes Lehrerteam aus „normalem“ Pädagogen und Sonderpädagogen, gerne unterstützt von FSJlern, Bufdis …
  • Das gesamte Kollegium steht hinter dem Konzept, die Lehrer sind engagiert dabei.
  • Ein objektives Kriterium ist der Jakob-Muth-Preis, der an gute inklusive Schulen vergeben wird.
  • Jahrgangsgemischte Klassen (also Kinder der Klassenstufen 1-4 in einer Klasse) sind kein „Muss“, haben aber den Vorteil, dass hier das individuelle Lerntempo nicht so auffällt. Es wird weniger untereinander verglichen, und wenn eine Klassenstufe wiederholt wird, muss das Kind nicht aus seiner gewohnten Umgebung heraus.  Allerdings kommen und gehen jedes Jahr einige Kinder, was zu Beginn des Schuljahres für Unruhe sorgen kann.
  • Die Schule ist barrierefrei, verfügt über Rampen, Aufzüge und behindertengerechte Toiletten (falls dein Kind keine Gehbehinderung hat, ist der Punkt für dich natürlich unwichtig).
  • Es gibt viele Kinder mit Behinderung an dieser Schule, so dass deines nicht das Einzige sein wird.
    • Außerdem hilfreich: Was erzählen die Eltern, deren Kinder an der Schule sind? Deren Erfahrungen bieten einen guten Eindruck. Dieser Punkt trifft natürlich auch auf die Förderschule zu.

 

Es wird nur wenige Schulen geben, auf die sämtliche Punkte zutreffen. Überlege, was dir und deinem Kind besonders wichtig ist.

Mir ist durchaus bewusst, dass die Umsetzung der Inklusion politisch besser laufen sollte. Es gibt einfach zu wenig Geld für Lehrer, deren Ausbildung, die Ausstattung der Schule … Aber ich freue mich über die ersten Schritte und hoffe, dass sie Kreise ziehen.

 

Woran erkennst du eine gute Förderschule?

Wenn Eltern ihr Kind ungern auf eine Förderschule geben wollen, liegt das oft mehr an ihren eigenen Vorbehalten als an der Qualität dieser Schulform.

Der Anblick einer Unmenge von Rollstühlen und Kindern mit Behinderung kann anfangs abschreckend sein. Aber es lohnt sich, dieser Schule einen zweiten Blick zu schenken:

  • Schau dir an, welche Therapien die Schule anbietet. Wenn dein Kind während der Schulzeit zur Physiotherapie, Logopädie … geht, bleiben ihm Termine am Nachmittag erspart.
  • In einer Klasse sind nur zwischen 9-15 Kinder.
  • Es gibt pro Klasse wenigstens zwei Lehrer plus Bufdis, Integrationshelfer, FSJler …
  • Die Schule vermittelt lebenspraktische Kenntnisse (Kochen, Einkaufen …), ist auch außerhalb der Schulzeit aktiv und setzt sich für Inklusion ein.
  • Der Förderschwerpunkt, wie z. B. geistige und soziale Entwicklung, Lernen, motorische Entwicklung, passt zur Behinderung deines Kindes.
  • Auf einigen Förderschulen kann sogar ein richtiger Schulabschluss gemacht werden.
  • Es ist üblich, dass die Kinder von einem Fahrdienst zur Schule gebracht werden. Du brauchst dich also nicht um den Schulweg zu kümmern und bekommst nachmittags dein Kind nach Hause geliefert.
  • Es gibt Krankenschwestern, die den Kindern während des Unterrichts Medikamente geben können.

Weitere Überlegungen:

Beide Schulformen haben Vor- und Nachteile. Eine Förderschule hat meist ein großes Einzugsgebiet. Die Kinder kommen also von weit her und Verabredungen am Nachmittag sind schwierig.

In einer Regelschule kann es schwieriger für dein Kind sein, Anschluß zu finden. Integrationshelfer sind sinnvoll, schaffen aber auch eine Sonderstellung.

Inzwischen gibt es auch einige Förderschulen, die sich für Inklusion geöffnet haben. Die Idee ist prima, weil Kinder mit Behinderung weiterhin gut gefördert werden, während Regelkinder von der personellen und räumlichen Infrastruktur profitieren. Davon wären viel mehr nötig!

Ich habe mich hier auf die – meiner Meinung nach – wichtigsten Überlegungen beschränkt. Aber es gibt für jedes Kind zusätzlich weitere Besonderheiten, die berücksichtigt werden müssen. Daher kann nur ganz individuell entschieden werden: Jedes Kind hat seine eigenen Bedürfnisse, die Wohnsituation beeinflusst ebenfalls die Schulwahl usw.

Letztendlich kann ich dir nur raten, dich gründlich zu informieren, alle Aspekte zu bedenken und unvoreingenommen zu sein. Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht, aber den Aufwand nie bereut. Jonas geht vom ersten Tag an sehr gerne in die Schule und lernt mit viel Spaß.

Zusammengefasst meine Tipps für die Schulwahl:

 

  1. Es ist wichtig, objektiv die Fähigkeiten und Bedürfnisse deines Kindes zu beachten und deine eigenen Hoffnungen und Erwartungen nach hinten zu stellen.
  2. Die Kernfrage lautet: Welche Schule passt zu meinem Kind und wird ihm gerecht? Es geht nicht darum, dass sich dein Kind irgendwie an die Schule anpasst.
  3. Wenn dein Kind sich wohlfühlt, lernt es besser und knüpft schneller Freundschaften. Die Schulwahl ist daher auch zu einem großen Teil eine Bauchentscheidung.
  4. Falls du eine inklusive Regelschule wählst, stelle dir die Frage: gibt es auch inklusive weiterführende Schulen in deiner Nähe? Leider gibt es nur wenige solcher Schulen, sodass die meisten Kinder nach der Grundschule auf die Förderschule wechseln.
  5. Du musst diese Entscheidung nicht alleine treffen. Psychologen, das Schulamt, Pädagogen, Eltern … können dir helfen.

 

Ich wünsche dir viel Erfolg bei der Schulwahl und deinem Kind eine Schulzeit voller positiver Erfahrungen und Freude beim Lernen!

 


Mehr von Ellen liest du hier: „Diagnose: Behindert“ und in weiteren Artikeln der Kategorie „Leben mit Behinderung“.