… und ab in die Notaufnahme?

Endlich war es so weit: meine gute Freundin – eine noch ziemlich frischgebackene junge Mutter, und ich – eine noch ziemlich frischgebackene junge Ärztin und noch kinderlos – wollten nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder miteinander ausgehen. (Jetzt werdet ihr euch fragen: Eine junge Mutter und eine Ärztin gehen aus? Ha! Wie machen die das denn? Wie finden die bitteschön einen Termin? – Doch, manchmal geschehen eben kleine Wunder…)

Alles war organisiert, die Babysitterin bestellt… und da meinte meine Freundin, dass sie das Gefühl hätte, ihr Sohn sei „nicht so ganz in Ordnung“. Aaaaber: er sei noch nicht wirklich krank. Noch.

Und für den Fall der Fälle hatte diese wunderbare Mutter perfekt vorgesorgt. Sie hatte einen Zettel vorbereitet, auf dem die Babysitterin genaue Anweisungen bekam, wie sie vorgehen sollte. Nämlich falls der Kleine Fieber bekommt. Und zwar lautete die Anleitung (abgesehen davon, dass sie natürlich die Mutter anrufen sollte):

„Bei 38,5° C: Zäpfchen geben. Bei 39°C ins Krankenhaus fahren. Bei 40°C den Notarzt rufen.“

Ich war erschüttert.

Dazu muss man sagen: Ich war ja noch keine Mutter. Ich war die Ärztin, die ständig nachts um 2 oder 3 wegen „ein bisschen Fieber“ aus dem Schlaf gerissen wurde. (Wenn ich denn überhaupt schon geschlafen hatte…) Und es war mir ganz unverständlich, wie man so etwas schreiben konnte.

Heute würde ich zwar noch immer nicht auf die Idee kommen, so einen Zettel zu schreiben, aber ich kenne so einige Gedanken aus eigener Erfahrung…

  • Das Fieber ist so hoch… hat mein Kind etwas Gefährliches?
  • Und wenn das Fieber noch höher steigt? Wie hoch denn noch???
  • Ich geb jetzt doch ein Zäpfchen…nein, doch nicht….ich warte noch… oder doch…

Zum Glück sitzt dann doch in meinem Kopf die Kinderärztin, die mich daran erinnert:

Fieber ist eine wichtige Funktion unseres Körpers, die bei der Abwehr von Infektionen hilft. Nicht das Fieber an sich ist die Krankheit.

Ein Beispiel: Kind ist krank, zum Beispiel Halsentzündung, und fiebert.

Wenn wir jetzt das Fieber senken, geht davon nicht die Halsentzündung weg. Das Kind ist also noch immer krank. Nur merkt man das dann weniger.

Unser Körper kann aber viel besser gegen die Halsentzündung kämpfen, wenn er eine höhere Temperatur entwickelt.

Es ist also nicht sinnvoll, das Fieber zu unterdrücken und zu meinen: so wird mein Kind (schneller) gesund. Eher im Gegenteil.

Das Kind ist gesund, wenn die Krankheit weg ist (hier also die Halsentzündung) und nicht, wenn das Fieber weg ist. Und wenn wir das Fieber dauernd senken, stören wir den Körper bei seiner Abwehr-Arbeit. Es geht also darum, die URSACHE des Fiebers zu behandeln!

Jetzt tauchen vielleicht Fragen auf wie:

Ja aber wann darf ich das Fieber denn senken?

Ich würde die Frage der Fiebersenkung nicht von der Höhe der Temperatur abhängig machen, sondern vom Zustand des Kindes.

(Achtung: das gilt natürlich für Kinder, die ansonsten gesund sind, das heißt z.B. keine Stoffwechselerkrankung oder eine gestörte Temperaturregulation aufgrund einer anderen Grunderkrankung haben. Ich gehe aber hier davon aus, dass Eltern dieser Kinder durch speziell mit diesen Erkrankungen erfahrenen Ärzten beraten werden und wissen, dass für ihr Kind andere Regeln gelten. Wer sich da nicht sicher ist: bitte immer nachfragen!)

Wenn das Kind –  also ein ansonsten gesundes Kind – bei 39,5°C noch relativ munter ist, braucht man nicht routinemäßig die Temperatur zu senken.

Ist das Kind aber beeinträchtigt und so schlapp, dass es zum Beispiel auch nicht mehr trinken mag, und verliert es vielleicht noch zusätzlich Flüssigkeit wegen Durchfall oder Erbrechen, dann kann man ihm durch Senkung des Fiebers etwas Erleichterung verschaffen. Oder ihm helfen, nachts besser zur Ruhe zu kommen.

Was kann denn passieren, wenn das Fieber immer weiter steigt?

Das Fieber steigt – bei ansonsten gesunden Kindern – nicht unbegrenzt hoch. Wir haben im Gehirn ein Zentrum, das die Temperatur reguliert und nicht höher als ungefähr 41/42°C steigen lassen kann. Temperaturen über 42°C, die gefährlich für den Körper wären, entstehen durch andere Ursachen, wie zum Beispiel Hitzschlag in einem aufgeheizten Auto.

Im Rahmen von normalem Fieber geht es dem Kind zwar nicht unbedingt gut: es kommen Unruhe, Unwohlsein, Schlappheit, Fieberphantasien usw. vor, aber das Fieber an sich ist nicht gefährlich. (Die Krankheit dahinter könnte es aber durchaus sein, daher sollte man sein Kind auch je nach Alter und Zustand früher oder später untersuchen lassen  – siehe unten).

Aaaber: Was ist denn mit Fieberkrämpfen? Bekommt man die, wenn man zu hoch fiebert?

Wer einmal einen Fieberkrampf erlebt hat, weiß wie bedrohlich das aussehen kann. So etwas möchte kein Elternteil ein zweites Mal erleben.

Leider ist es so, dass man wahrscheinlich eine vererbte Anlage dazu hat, Fieberkrämpfe zu entwickeln (oder auch nicht). Also: der eine neigt zu Fieberkrämpfen, der andere nicht. Tröstlich: Das wächst sich heraus. Es besteht nur eine wenig erhöhte Gefahr, auch später, also nach dem Kleinkindalter, noch Krampfanfälle zu erleiden.

Bei Schulkindern mit hohem Fieber ist somit auch kein Fieberkrampf mehr zu erwarten. Und wer nicht dazu neigt Fieberkrämpfe zu entwickeln, der wird auch nicht anfangen plötzlich zu krampfen, weil er zum ersten Mal 40°C Fieber hat.

Ein Kind, das zu Fieberkrämpfen neigt, kann auch bei ganz geringem Fieber schon einen Fieberkrampf bekommen. Oder sogar bei „nur ein bisschen Infekt“ oder nach einer Impfung. Da muss das Fieber gar nicht hoch steigen.

Es war früher üblich, den Eltern solcher Kinder nach dem ersten Fieberkrampf zu sagen, dass sie nun immer das Fieber früh senken sollen, ab etwa 38,5°C. Das ist inzwischen überholt: Die Eltern sollten ein Notfallzäpfchen zu Hause haben, das einen verlängerten Krampfanfall unterbrechen kann, aber Fieber senken hilft nicht.

Achtung: Sollte ein Kind bei Fieber krampfen: unbedingt zum Arzt (da darf man auch den Notarzt rufen!). Es gibt ernstere Erkrankungen, die hinter einem Krampfanfall stecken können und die ausgeschlossen werden müssen. (Aber auch hier ist das Fieber nicht die Ursache.)

Und wann soll ich dann zum Arzt, wenn mein Kind fiebert?

Hat ein Säugling eine Temperatur ab 38,5°C, sollte man ihn untersuchen lassen. (Natürlich wenn das Kind krank erscheint, oder andere Sorgen sind, durchaus auch früher. Und beachten, wo man gemessen hat: 38,5 im Po gemessen kann auch mal nur 38,0 im Ohr sein.) Die Untersuchung am selben Tag – aber in Ruhe und ohne Blaulicht.

Größere Kinder können auch mal 2-3 Tage lang Fieber haben, ohne dass sie direkt zum Kinderarzt müssen. Oft ist ohnehin nicht sofort zu erkennen, was die Ursache des Fiebers ist.

Selbstverständlich ist das etwas anderes, wenn neben dem Fieber noch Schmerzen oder andere Beschwerden auftauchen, dann hilft der Kinderarzt gerne weiter.

Zusammenfassend:

Ich hoffe, dass ich mit diesem Artikel dazu beitragen konnte, dass

  • Fieber nicht gleich automatisch gesenkt wird, sofern es dem Kind gut geht
  • verstanden wird, dass Fieber keine Krankheit ist, sondern ein Zeichen, dass unsere Abwehrfunktion aktiv ist und sogar dem Körper hilft, sich besser gegen eine Krankheit zu wehren
  • der eine oder andere Notarzteinsatz allen Beteiligten erspart wird: den Eltern, dem Arzt, aber vor allem auch dem Kind.

Übrigens: meine Freundin bittet darum zu erwähnen, dass sie inzwischen bei ihrem zweiten Kind auch entspannt mal 40°C bei einem Dreitagefieber aushält. Das soll ich gefälligst lobend erwähnen, was ich hiermit tue….