Kurz vorweg: ich finde ja, dass es vom Yoga so viel zu lernen gibt, dass ich da mit einem Artikel nicht hinkommen würde…

Ich beschränke mich aber diesmal nur auf einen Punkt, der mir sehr am Herzen liegt – und den ich für wichtiger halte als möglichst bald Spagat oder Kopfstand zu können 😉  .

Der Yogaunterricht könnte ein wunderbarer Tummelplatz sein für alle, die sich gerne vergleichen und immer im „Wettkampfmodus“ sind:

„Ui, der kann die Krähe aber lange halten. Aber ich bin ja schon ziemlich stolz auf meinen Kopfstand. Und wie die den Lotussitz hinkriegt, das schaff ich nie. Dafür ist aber meine Vorbeuge besser.“

Genau das kennen wir doch mit unseren Kindern. Und zwar vom ersten Tag, an dem der Nachwuchs das Licht der Welt erblickt hat.

Kaum ist mehr als eine Mutter in einem Raum anwesend geht es los:

„Also der Paul hat von Anfang an durchgeschlafen.“… „Wie, deiner krabbelt noch nicht?“…“Meine Mutter sagt immer ich war mit 10 Monaten trocken, und das müsste die Mia doch auch schaffen“.

Vergleiche über Vergleiche.

Sicherlich geht es häufig darum, dass gerade Eltern eines ersten Kindes noch viele Unsicherheiten haben. Durch Gespräche wie oben erhoffen sie sich vielleicht mehr Klarheit, Sicherheit, gegenseitiges Verstehen, Verbindung miteinander – und so weiter…

Nur leider tragen diese typischen „Müttergespräche“ (es soll auch Väter geben, die das tun…) meistens eher weniger dazu bei, sich diese Bedürfnisse zu erfüllen. Stattdessen entsteht oft noch mehr Unsicherheit und auch so etwas wie „Konkurrenzdruck“ (ich mag das Wort irgendwie nicht, aber mir fällt leider gerade kein anderes ein):

„Hm, also der kann schon Fahrrad fahren. Da lasse ich doch mal nebenbei die Bemerkung fallen, dass meiner schon schwimmen kann.“    …      “ Oh, die lernt schon Englisch im Kindergarten. Gibts bei uns nicht. Da schau ich doch mal, ob ich irgendwo einen Privatlehrer auftreiben kann, sonst hält unsere Tochter in der Schule nachher nicht mit..“

Und so weiter.

Um auf Yoga zurückzukommen: hier lernen wir Erwachsenen noch einmal ganz wunderbar, wie verschieden wir alle doch sind – aber gleichzeitig lernen wir auch, uns nicht zu vergleichen.

Ein scheinbarer Widerspruch. Die Lösung lautet: Bei sich selbst bleiben.

Natürlich merke ich, dass ich die eine Übung „besser“ oder „schlechter“ kann als meine Nachbarin. Es bleibt einfach nicht aus, dass man sieht was die anderen machen. Dem einen fällt dieses leicht, dem anderen jenes. Egal wie alt oder körperlich fit man ist. Und kaum einer kann wirklich alles.

Aber sobald deine Yogalehrerin (oder der Yogalehrer, ich bleib jetzt mal bei der weiblichen Form, weil es bei mir so ist…) bemerkt, dass du während der Übungen den Kopf verdrehst, um zu gucken was die anderen machen, wird sie dich darauf hinweisen nur auf dich zu achten.

„Bleib bei dir. Mach die Übung so gut, wie du es in dem Moment für dich schaffst. Es ist egal, was die anderen können. Versuche für dich persönlich weiter zu kommen.“

Nur auf sich achten. Nicht bewerten. An sich selbst arbeiten, ohne sich zu ärgern, wenn mal was nicht klappt. Das alles kannst du beim Yoga üben. Und die Yogalehrerin unterstützt dich dabei.

Diese Haltung lässt sich auch auf den Umgang mit unseren Kindern übertragen. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo, hat Dinge die ihm mehr oder weniger liegen, die es gerne oder weniger gerne tut.

So wie du dich beim Yoga nicht gewaltsam verbiegen sollst, um dich in irgendeine beeindruckende fortgeschrittene Stellung zu pressen, so kannst du versuchen, die Eigenheiten deines Kindes hinzunehmen, ohne es in irgendeine Richtung zu biegen.

Leider ist bei den oben beschriebenen Müttergesprächen kein Moderator anwesend, der uns weiterhilft (so wie beim Yoga die Lehrerin).

Ich persönlich mache es so: als Mutter versuche ich in diesen Situationen – genau wie beim Yoga – in Gedanken bei mir und meinem Kind zu bleiben und insgesamt solche Gespräche soweit wie möglich zu vermeiden.

Als Kinderärztin frage ich natürlich bei den Vorsorgeuntersuchungen danach, was ein Kind kann. Aber dafür sind wir Kinderärzte ja auch da.

Die Vorsorgeuntersuchungen dienen dazu herauszufinden, ob es einen Hinweis darauf gibt, dass ein Kind irgendwo Hilfe benötigt. Vielleicht hat es bestimmte körperliche Einschränkungen oder eine Erkrankung, die sich im Laufe seiner Entwicklung zeigt.

Sollte das so sein, kann die Hilfe dann vom Kinderarzt eingeleitet werden: mit weitergehenden Untersuchungen, Physiotherapie, Ergotherapie und so weiter.

Umgekehrt heißt das, wenn bei deinem Kind keine Besonderheiten vorliegen:

hab Vertrauen.

Dein Kind wird lernen zu schlafen, zu laufen, zu lesen und noch so vieles mehr, das du dir vielleicht in diesem Moment noch gar nicht vorstellen kannst.

Vergleiche nicht, wie weit das Nachbarskind schon ist, sondern freu dich mit deinem Kind über seine eigene Entwicklung und gibt ihm dazu die Zeit und den Freiraum, den es benötigt.

Übrigens: Meine Tochter macht auch Yoga – deine etwa nicht??? 😉